Landesnaturschutzpreis 2014 geht an ein Projektteam aus Villingen-Schwenningen

Das Foto (Quelle: Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz) zeigt die Übergabe der Preisurkunde durch Minister Alexander Bonde an (von links nach rechts) Anita Sperle-Fleig (BUND), Julian Wiesinger (Stadt Villingen-Schwenningen), Michael Neuenhagen (Umweltzentrum) und Elif Cangür (Gemeinderätin und Vertreterin des Oberbürgermeisters von Villingen-Schwenningen). Im Gegenzug überreicht Michael Neuenhagen im Namen der Hochschule Furtwangen als Gastgeschenk eine Flasche des auf dem Campus Schwenningen der HFU gebrannten Obstwassers.

Das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar und der BUND-Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg, beide in Villingen-Schwenningen beheimatet, sind für das Projekt „Streuobst und Brennrecht – ein nachhaltiges Produkt in der Region“, das sie in Zusammenarbeit mit der Hochschule Furtwangen (HFU) und der Stadt Villingen-Schwenningen durchführen, mit dem Landesnaturschutzpreis Baden-Württemberg der Stiftung Naturschutzfonds ausgezeichnet worden. Der Preis wird  alle zwei Jahre vergeben und stand diesmal unter dem Motto: „Vielfalt in Streuobstwiesen – Wir machen mit!“.

Alexander Bonde, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz und Vorsitzender der Stiftung Naturschutzfonds, übergab den Preis am Samstag, dem 28. März 2015 im Neuen Schloss in Stuttgart an die anwesenden Vertreter der vier Kooperationspartner: Michael Neuenhagen (Umweltzentrum), Anita Sperle-Fleig (BUND),  Julian Wiesinger (Stadt Villingen-Schwenningen) und Elif Cangür (Gemeinderätin und Vertreterin des Oberbürgermeisters von Villingen-Schwenningen).

Streuobstwiesen sind in Baden-Württemberg eine traditionelle Form des Obstbaus. Der Begriff „Streuobst“ wird oft fälschlich mit „Fallobst“ verwechselt. Der Begriff bezieht sich aber nicht auf verstreut am Boden liegendes Obst, sondern deutet vielmehr auf den weiten Abstand der auf einer Wiese verstreut stehenden, natürlich gewachsenen Obstbäume mit ihren hohen und weiten Kronen hin. Dabei kann der Boden unter den Bäumen von den Landwirten als Weidefläche oder für Grünschnitt zur Viehhaltung genutzt werden.

Streuobstwiesen haben das Landschaftsbild in Europa durch Jahrhunderte geprägt, bis sich im 20. Jahrhundert im Obstbau die Plantagenwirtschaft immer mehr durchgesetzt hat. Dabei stehen bis zu 3.000 niedrigwüchsige Obstbäume mit schlanken Kronen auf einem Hektar, während es auf Streuobstwiesen je nach Obstsorte nur etwa 100 Bäume sind. Durch die Konkurrenz der Obstplantagen ist die landwirtschaftliche Nutzung vieler Streuobstwiesen unwirtschaftlich geworden. Die Bäume verwilderten oder wurden abgeholzt. Dadurch sind viele Obstsorten, die an die regionalen Klimabedingungen und Bodenarten optimal angepasst waren, und die teilweise sogar von Dorf zu Dorf verschieden waren, verschwunden. Die Plantagen konzentrierten sich stattdessen auf wenige, überregional standardisierte Obstsorten.

Minister Bonde wies bei der Preisverleihung in Stuttgart darauf hin, dass europaweit in unserem Bundesland die flächenmäßig größten Bestände an Streuobstwiesen zu finden sind. Viele Streuobstwiesen sind heute aber akut bedroht. Ziel der Landesregierung sei es daher, die Streuobstwiesen im Land zu erhalten, deren Bewirtschaftung zu fördern und alle, die sich für den Schutz und Erhalt der Streuobstwiesen stark machen, gezielt zu unterstützen. Er zeigte die wesentlichen Handlungsfelder auf, die zum Erhalt der Streuobstwiesen beitragen – vom fachgerechten Baumschnitt bis zur Vermarktung.

Seit einigen Jahren findet eine Rückbesinnung auf die traditionelle Obstanbauweise statt - weil die hohen und kräftigen Bäume als Windschutz die Böden besser vor Abtragung schützen und die lockere Dichte des Bewuchses unter den Bäumen vielen Tierarten, insbesondere Vögeln und Fledermäusen, einen wertvollen Lebensraum bieten. Die Bäume benötigen die dort lebenden Tiere aber auch zu ihrem eigenen Fortbestand, wie das Beispiel der Bienen anschaulich zeigt. Eine Streuobstwiese ist damit ein gutes Lehrbeispiel für die enge Vernetzung der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten in der Natur. Streuobstwiesen sind außerdem touristisch attraktive Kulturlandschaften, die das baden-württembergische Landschaftsbild prägen.

Viele Initiativen zur Wiederbelebung und zum nachhaltigen Erhalt von Streuobstwiesen scheitern an dem Problem, dass Pflege und Schnitt der Bäume und ihre Ernte durch ihre Höhe sehr arbeitsintensiv und auch gefährlich sind und durch die Einnahmen aus der Vermarktung des Obstes nicht abgedeckt werden können, zumal wenn die Verbraucher zögern, unbekannte Sorten zu kaufen, die nicht so makellos aussehen wie das genormte Obst aus den Plantagen mit ihren bekannten Sortennamen.

Das Projekt „Streuobst und Brennrecht – ein nachhaltiges Produkt in der Region“ ging das Problem der wirtschaftlichen Nutzung von Streuobstwiesen mit einem integrierten Konzept der vier Partner an, die sich in ihrer Rolle und ihren Kompetenzen ideal  ergänzen. Die Stadt Villingen-Schwenningen stellte drei städtische Streuobstwiesen zur Verfügung, die nicht mehr genutzt und daher auch unzureichend gepflegt wurden. Die Hochschule Furtwangen pachtete diese Flächen von der Stadt. Der BUND organisierte Pflege, Schnitt und Ernte der Streuobstbäume. Geschädigte Bäume wurden von der Stadt ersetzt und zusätzliche, heimische Obstbäume gepflanzt, die an das raue Klima auf der Baar angepasst sind. Für die ehrenamtlich tätigen Pfleger führte der BUND spezielle Obstbaumschnittkurse durch.

Das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar nutzt die Streuobstwiesen als außerschulischen Lernort für sein umweltpädagogisches Schulprogramm. Darüberhinaus sieht es  seine Rolle vor allem darin, in der Öffentlichkeit ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Streuobstwiesen, den Erhalt und die Pflege der typischen Landschaft der Baar und das ökologische Gleichgewicht in der heimischen Tier- und Pflanzenwelt zu schaffen. Es ergänzt das Projekt durch weitere Aktivitäten und Veranstaltungen zu verwandten Themen wie Blüten, Bienen und Vögel und stellt dem Projekt seine Räume auf der Möglingshöhe für Kurse, Vorträge und Ausstellungen zur Verfügung.

Die Hochschule Furtwangen erhielt durch die Pacht der drei Streuobstwiesen vom Hauptzollamt in Singen die Genehmigung, als Obsterzeuger ein sogenanntes Abfindungsbrennrecht für Alkohol zu erwerben.  Damit verschafft sie den Studierenden im Studiengang Bio- und Prozesssteuerung die Möglichkeit, an einem faszinierenden und überschaubarem Objekt die physikalisch-technischen Prozesse beim Destillieren zu erlernen, einem grundlegenden Vorgang der chemischen Verfahrenstechnik, der in der Industrie zur Trennung von Gemischen eingesetzt wird, wie zum Beispiel bei der Herstellung von Treibstoffen aus Erdöl in Großraffinerien, der Produktion von Bioethanol oder der Rückgewinnung von Lösemitteln. Im vergangenen Jahr haben die Studierenden auf den Streuobstwiesen des Projektes 600 kg Äpfel und auch einige Birnen geerntet, die am Hochschulcampus Schwenningen der HFU zu Obstwasser destilliert wurden.

Ob und wie das gebrannte Obstwasser in den Verkauf kommt, wird vom Ergebnis der Arbeit von Studierenden der Fakultät Wirtschaft abhängen, die sich um Kostenrechnung und mögliche Vermarktung des neuen Produktes kümmern.

Für den Landesnaturschutzpreis waren diesmal rund 130 Bewerbungen eingegangen. Daraus wurden 20 Preisträger ausgewählt, unter denen das Preisgeld von 20.000 Euro aufgeteilt wurde. Die gewonnenen 1.000 Euro wollen die Projektpartner aus Villingen-Schwenningen wieder in ihr Projekt investieren.

Anita Sperle-Fleig vom BUND freute sich über die Auszeichnung mit den Worten: „Damit wird die jahrzehntelange Erfahrung und das Engagement der BUND-Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg auf dem Gebiet Baumschnitt und Wiesenpflege honoriert und wir werden bestärkt, auf diesem Weg weiterzumachen.“

Michael Neuenhagen, Vorsitzender des Trägervereins des Umweltzentrums Schwarzwald-Baar-Neckar betonte, dass die Zusammenarbeit von Naturschutzverband, Umweltbildungseinrichtung, Stadt und Hochschule nicht nur unterschiedliche Kompetenzen vereinigt hat, sondern auch sehr unterschiedliche Zielgruppen erreichen und in das Projekt einbinden konnte und kündigte an: „Wir werden diese interdisziplinäre Vorgehensweise  sicher auch in ähnlicher Form auf andere Projekte übertragen.“

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